Der Camino 2015 - mein kleiner Camino - war ein paar Tage Urlaub verbunden mit dem Sammeln von Pilgererfahrungen. Also einen Weg von ca. 100 km mit voller Ausrüstung wandern, alle ca. 20-25 km in einer Herberge zu übernachten, dem Wetter zu trotzen,die Ausrüstung zu testen und es einfach mal darauf ankommen zu lassen.
Der Pilgerweg von Lübeck nach Hamburg ist Teil der Via Baltica von Swinemünde nach Osnabrück er ist für diesen Zweck ideal geeignet. Man kann ein sehr gutes Kartenwerk z.B. im Pilgerbüro St. Jacobi Hamburg kaufen oder es auch als PDF herunterladen und ausdrucken. In ca. 5 Etappen gelangt man von St. Jakobi Lübeck via Klein Wesenberg, Kloster Nütschau, Nahe, Hamburg Ohlsdorf zu St. Jacobi in der Hamburger City.
Für die Übernachtung in Kirchen, Klöstern bzw. Gemeinderäumen wird eine rechtzeitige telefonische Anmeldung 24-48 Stunden vorher erwartet, damit sich die Gemeinde auch darauf vorbereiten kann. Das klappte auf diesem Teilstück überraschen gut und ich bin immer noch von dem Vertrauen angetan, dass man uns entgegen brachte. Mit uns meine ich Claudia und mich. Claudia hat mich auf den ersten drei Etappen von Lübeck bis Nahe begleitet. Die letzten beiden Etappen ging ich allein. Hier der Bericht und einige Fotos.
Sprungmarken zur schnelleren Navigation
| Tag | Datum | Wege und Ereignisse | Distanz |
| 1 | 01.11.2015 | von Lübeck nach Klein Wesenberg (Start) | 26 km |
| 2 | 02.11.2015 | von Klein Wesenberg nach Kloster Nütschau | 27 km |
| 3 | 03.11.2015 | von Kloster Nütschau nach Nahe | 21 km |
| 4 | 04.11.2015 | von Nahe nach HH-Ohlsdorf | 19 km |
| 5 | 05.11.2015 | von HH-Ohlsdorf nach St. Jacobi (Ende) | 22 km |
01.11.2015 von Lübeck nach Klein Wesenberg (Start)
Am 01.11.2015 führen Claudia und ich mit der Eisenbahn nach Lübeck und suchten dort die Kirche St. Jakobi auf. Dort sollte es einen Seefahrer-Gottesdienst geben, der nur einmal im Jahr statt findet und bei dem man den Überlebenden und Opfern der Pamir gedenkt.
Selfie von Claudia und mir vor dem Lübecker Tor
Hier das Lübecker Tor ohne störende Touristen und Pilger
Hier der imposante Altar von St. Jakobi in Lübeck. Direkt nach dem Gottesdienst, an dem auch diverse Kapitäne a.d. teil nahmen ging es bei Sonnenschein (trotz November) los. Natürlich die Trave entlang, aber in der falschen Richtung Richtung Ostsee... Na gut, ein paar Passanten erklärten uns den Weg und ab da waren wir nicht mehr auf dem Holzweg :-)
Hier ein altes Gebäude für die Technik der Wasserstandsregulation auf dem Weg zu unserer ersten Station in Klein Wesenburg. Man kommt unterwegs immer wieder an alten oder sogar historischen Gebäuden vorbei.
Man kommt aber auch an ganz profanen Bauwerken wie Autobahnbrücken vorbei. Nützt nix, der Weg ist vorgegeben und man lässt sich darauf ein.
Einige Laternen tragen Wegmarkierungen ganz unterschiedlicher Wanderwege. Oben erkennt man den Hanseatenweg, darunter den Pilgerweg Richtung Hamburg und der gelbe Pfeil kennzeichent ebenfalls einen Wanderweg - wohin auch immer. Das Sackgassenschild zeigt PKW-Fahrern an, dass man hier zwar hineinfahren kann, aber dass man irgendwann auch wieder umdrehen muss, aber wer will das wissen?
Hier ein Info-Stein kurz vor Klein Wesenberg. Man erkennt sofort, dass man sich auf Pilger eingestellt hat. Pastor Graf, der selber auf diversen Pfaden zu pilgern schien, hat in seinem Gemeindehaus eine ganz tolle Unterkunft für Pilger bereit gestellt. Das es im Ort keine Lokalität gibt, hat er für alles vorgesorgt und man muss bei dem reichlich gefüllten Kühlschrank wirklich nicht verhungern. Wir griffen allerdings am Abend auf das Angebot eines Pizza-Services zurück, der uns dann beim 4. Anlauf mit den bestellten Pizzen belieferte. In dedn Räumen gab es sogar eine Art Wandfön, der dazu dient, nasse Wanderschuhe zu trocknen. Sowas kannte ich gar nicht, aber daran erkennzt man den Pilgerprofi Pastor Graf.
02.11.2015 von Klein Wesenberg nach Kloster Nütschau
Hier am Morgen das Gemeindehaus in Klein Wesenberg. Dieser Tag zeichnete sich durch heftigen Nebel von morgens bis abends aus. Schade, dass ich nicht noch mehr Fotos gemacht hatte.
Frau am nebeligen See ...
,,, Mann am nebeligen Feldrand!
Wanderwege wohin man kommt. Es lag wohl am November, dass wir kaum andere Wanderer trafen.
Hier ein frisch im Oktober ausgesähtes Feld mit irgendwelchem Grünzeug.Was bedeuten bloß die weißen Markierungen mitten drin?
Ich bin natürlich gleich hin, um mal zu schauen. Die Schilder markieren offensichtlich getarnte Testsaaten, die man später kaum noch von außen oder oben erkennen kann. Sind das gentechnisch veränderte Pflanzen?
Manche Wege waren nicht mal als Wege sofort erkennbar. Trotzdem ist dies ein Weg.
Ich muss nochmal forschen, wo genaus dieser idyllische Ort war.
03.11.2015 von Kloster Nütschau nach Nahe
Das Kloster Nütschau im Nebe. Hier sind die Mönche untergebracht. Für die Gäste gibt es ein Gästehaus mit sehr sauberen Übernachtungsräumen. Außerdem gibt es hier für Schulklassen, Gruppen oder Leute wie uns noch ein Jugendhaus, das sehr günstig ist. Leider trafen wir dort niemanden an, weshalb wir dann das Gästehaus vorzogen. Gegessen wurde wie in einer Jugendherberge in einem Speiseraum bei einem kleinen Buffet. Dort trafen wir auch andere Menschen, die dort die z.B. Gelegenheit zum Durchatmen suchten, weil sie z.B. bei sich zuhause ihren seit vieln Jahren kranken und dementen Mann pflegten und selbst am Ende ihrer Kraft waren.
Wieder unterwegs nach Nahe - im Nebel natürlich.
Dieses Gebäude fand ich toll, wobei mir dessen Aufgaben unklar blieb. Ist das eine alte Kornkammer oder ein zum Wohnhaus umgebautes Gebäude?
Die Wegmarkierungen mussten wir manchmal suchen. Es war nicht klar, ob wir uns verirrt hatten oder nur zu doof waren, die Markierungen zu finden. Hier verriet ein kleiner gelber Pfeil, dass man dort eventuell weitere Markierungen zum Hanseatenweg oder Jakobsweg finden kann.
So war es dann auch. Die Jakobswegmarkierung war durch die Plakate überdeckt worden.
Kurze Pause mit Wildsaurotte.
Wieder ein Pfeil, nachdem man suchen musste.
Diesen kleinen Minikompass mit Thermometer (10 g) haben wir an diesem Tag wegen des vielen Nebels und der schlecht findbaren Wegweiser mehrfach benutzt. Die grobe Richtung Süd-West bzw. West an diesem Tag ist ja klar, aber wenn niemand da ist, den man fragen kann, dann half er uns wieder auf den rechten Pfad.
Übernachtung in Nahe im Gemeindehaus der Kirche - hier gab es die erste Erfahrung mit Feldbetten. Erst nach dem Konfirmations-Unterricht konnten wir unsere Bettstatt in Beschlag nehmen. In der Zwischenzeit gingen wir bei einem nahe gelegenen Italiener etwas Essen. Hier war es warm und es gab Duschen. Auch diese Herberger mit ihren Betreuern stellte eine sehr positive Erfahrung dar und niemals wurden wir misstrauisch beäugt.
04.11.2015 von Nahe nach HH-Ohlsdorf
Hier noch mal die Kirche in Nahe mit dem Nebengebäude bei Tageslicht.
Als wir früh morgens los marschierten, um beim Bäcker in Nahe zu frühstücken, da war es nur +2°C warm, aber dafür schien zum ersten mal die Sonne. Bisher hatten wir aber auch keinen Tropfen Regen gesehen. Über das Wetter konnten wir also nicht klagen und solche Anblicke genießt man viel zu selten in der Hektik des Alltags. Überhaupt hatte ich das Gefühl, mich von der Natur entfernt zu haben. Hier war ich nah dran, musste mich ihr stellen, aber konnte sie auch genießen.
Von Nahe nach Kayhude muss man leider die Segeberger Chausse Richtung Hamburg herunter tappern - was soll's, gehört auch dazu.
In Kayhude trennten sich unsere Wege. Claudia fuhr mit dem Bus über Ochsenzoll wieder nach Hause und ich ging auf dem Jakobsweg - hier jetzt mit dem Alsterwanderwanderweg identisch - weiter Richtung Hamburg.
Das war wieder "Ruscheln im Herbstlaub", wie man das als Kind immer machte, wenn man Wellen von Laub vor sich her trat :-)
Im Sommer war ich schonmal hier und fand damals diverse Pfeile mit einem "P" für "Richtung Poppenbüttel" abgekratzt vor...
... aber jetzt waren sie gut lesbar wieder erneuert worden.
Laub im Herbstlicht - das wäre ein tolles Motiv für ein 1000-Teile-Puzzle für Profis.
Im Locks in Poppenbüttel gab es zur Feier des Tages noch eine Tasse Kaffee mit einem Stück Käsekuchen. Weil ich die Arme unterwegs so baumeln ließ, hatte ich ganz dicke Hände und konnte kaum Notizen machen. Das passiert bei Wanderstöcken nicht so leicht, aber Stöcke finde ich uncool.
Hier ein Baum mit einer abgerissenen Pilgerwegmarkierung. Ein Dame berichtete mir unterwegs, dass die Schilder in dieser Gegend mit Absicht von Leuten abgerissen oder übermalt werden, die die Pilgerbewegung ablehnen. Dabei tun weder die Pilger bzw. Wanderer noch die Wegweiser jemandem weh. Die Dame ist den Jakobsweg in Spanien auch schon gelaufen, aber nun ist ihr Mann krank und wird von ihr gepflegt. Deshalb schafft sie den Weg wohl nicht noch mal in diesem Leben, was sie schon etwas bedauerte.
Am späten Nachmittag erreichte ich dann die Kirchengemeinde St. Marien in Ohlsdorf und bekam dort eine Unterkunft. Leider vergaß ich Fotos zu machen. Konsequenter Weise wollte ich nicht zuhause schlafen, sondern den Weg mit normalen Herbergen bewältigen. Hier in St. Marien gab es für mich ein Feldbett und ich konnte die Gemeindeküche nutzen. Eine warme Dusche gab es leider nicht, die ich nach fast 30 km bei kaltem Wetter sehr genossen hätte. Es gab nur ein Kaltwasserwaschbecken auf der Herrentoilette. So machte ich dann doch einen kurzen Abstecher nach Hause und duschte dort heiß. Anschließend ging ich mit einer alten Freundin, die in der Nähe ein Café betreibt, beim King of India noch etwas essen. Die Feldbetten lehrten mich, dass sie von unten nicht isoliert sind und dass eine isolierende Unterlage für solche Fälle sehr hilfreich sein kann. Ein Kind schrieb mit krakeliger Schrift sinngemäß indas Gästebuch: "Mutti sagt, dass wir wenigstens ein Dach über dem Kopf haben!"
05.11.2015 von Ohlsdorf nach St. Jacobi (Ende)
Dies war mit ca. 12 km ein verhältnismäßig kurzer Weg, aber ich wollte schon den ganzen Weg gehen. Voller Muße ging ich die Alster entlang, während um mich herum das Leben und der Verkehr tobte. Der Weg endete in der (Pilger-) Kirche St. Jacobi in der Hamburger City. Nach einem Frühstück in einem Kaffeeladen ging es ab nach to Huus :-)
"...der Schwanerich lächelt nur mild...", sang Herman van Veen einmal in einem sehr schönen Lied. Wer errät als erstes, welches Lied ich meine?
Der Schnullerbaum gedeiht immer noch prächtig. Hier lassen Kinder ihren Schnuller zurück, um sybolisch eine neue Lebensphase ohne Schnuller einzuleiten. Damit sind sie dann also keine Babys mehr :-)
Geschafft, St. Jacobi ist erreicht. Der Weg ist vorerst zuende und ich habe einige wichtige Erfahrungen für den großen Weg gelernt.
Der Weg geht immer weiter... :-)